Qualitätsstandards

Dieses Grundlagenpapier beschreibt die Standards für qualitativ hochwertige Frauenberatung. Es wurde in mehreren Arbeitsgruppen kontinuierlich weiterentwickelt und ist ein gemeinsames und verbindliches Dokument der Frauen- und Mädchenberatungsstellen im Netzwerk. Wir freuen uns natürlich auch, wenn sich Beratungsstellen außerhalb unseres Netzwerks an diesen Standards orientieren.

Download der Qualitätsstandards (ursprüngliche Version)

 

Neue Qualitätsbroschüre 2017

Derzeit arbeiten wir an der Neubearbeitung und Erweiterung der 'alten' Qualitätsstandards. Das erste Kapitel zum Thema "Grundlagen/Leitbilder" ist bereits fertig gestellt und hier abrufbar. Die gesamte Broschüre, ergänzt um Kapitel 2 und 3, "Qualitätsstandards" und "Spannungsfelder" wird voraussichtlich Ende 2017 on-line gestellt.

 

1. Grundlagen/Leitbilder

Dieses erste Kapitel widmet sich den Werten, Zielen und Haltungen, auf denen das Selbstverständnis der Beratungsstellen des Netzwerks aufbaut. Sie bilden gleichzeitig auch die Basis für die tägliche Arbeit mit Frauen* und Mädchen*. Die Entwicklung von Frauenrechten und von feministischen Strömungen wird auf den folgenden Seiten immer wieder mit der konkreten Arbeit in den Beratungsstellen verknüpft und in einen Zusammenhang gestellt.

1.1 Frauenrechte in Österreich im Wandel der Zeit

Wir beziehen uns in diesem Abschnitt vorwiegend auf die Geschichte der Frauenbewegungen in Europa ab ca. 1900, da wir hier auch die Entstehung und Entwicklung der Frauen- und Mädchenberatungsstellen verortet sehen. Dabei ist uns bewusst, dass dies nur einen kleinen Teil des weltweiten Kampfes um Frauenrechte abbildet. Unser Anliegen ist daher auch nicht eine vollständige Darstellung der Errungenschaften und Kämpfe. Vielmehr geht es uns darum zu zeigen, dass Frauen* bereits einen weiten Weg gegangen sind, dass aber das Ziel der tatsächlichen Gleichstellung von Männern* und Frauen* noch lange nicht erreicht ist.

1.1.1 Historischer Abriss

Die Geschichte der Frauenbewegungen wird in Europa und in den USA, in drei ‚Wellen‘ beschrieben. In der ersten Welle ging es für die Frauen* um Staatsbürger_innenrechte. Es galt, das Wahlrecht zu erobern, das Recht auf Bildung und Erwerbsarbeit und den Zugang zu den Universitäten. In der zweiten Welle der Frauenbewegung ging es, beflügelt durch die verschiedenen 1968er Befreiungsbewegungen, vor allem um den eigenen Körper, um die Definitionsmacht und Selbstbestimmung über Körper und Sexualität. (Sexuelle) Gewalt, Verhütung, Abtreibung und ganz allgemein die ‚Befreiung (aus der Abhängigkeit) vom Mann*‘ waren zentrale Themen.
In der dritten Welle, seit etwa 1990, baut die Frauenbewegung auf bisherigen Errungenschaften auf und entwickelt sich gleichzeitig weiter: Starre Konzepte von Geschlechtsidentität und Sexualität werden zunehmend in Frage gestellt. Zudem geht es auch darum, den bisherigen Eurozentrismus zu überwinden und, in einem intersektionalen Ansatz, andere Formen von Benachteiligung, zum Beispiel aufgrund von Hautfarbe, Klasse, Behinderung oder sexueller Orientierung, miteinzubeziehen.

Frauenräume
Während der Zweiten Frauenbewegung entstanden auch in Österreich viele autonome Frauenräume und -projekte von Frauen* für Frauen*: die ersten Frauenhäuser, Frauencafés, Frauen/Lesbenzentren, Frauennotrufe, Zeitschriften und Verlage. Auch die Gründung von Anlaufstellen für Migrantinnen* fällt in diese Zeit. Die Frauenpolitik seit den 1990er Jahren war hingegen einerseits geprägt von institutionalisierter Frauenpolitik – so entstanden in Österreich erstmals zwei Frauenstaatssekretariate, Vorläuferinnen des heutigen Frauenministeriums. Zum anderen gründeten engagierte Feministinnen zahlreiche Frauenprojekte, darunter auch viele der heute noch bestehenden Frauen- und Mädchenberatungsstellen.


1.1.2 Gleichstellung in Österreich: Was wurde erreicht, was bleibt noch zu tun?

Vertreterinnen der Frauenbewegungen können auf einige Erfolge zurückblicken: Das Wahlrecht, der Zugang zu Bildung, die Beteiligung am Erwerbsleben und an der Politik wurden durchgesetzt. Auch ein dichtes Netz an Fraueneinrichtungen im ganzen Land ist Teil dieser Erfolgsgeschichte. Besonders stolz darf Österreich auf ein auch international anerkanntes Gewaltschutzgesetz und auf die Einrichtung einer Interventionsstelle für Betroffene vom Frauenhandel sein. Auch dem im internationalen Vergleich besonders hohen Gender Pay Gap sollen neue Gesetze für Einkommenstransparenz wirksamer zu Leibe rücken.

Vieles bleibt aber noch zu tun: Zum einen arbeiten Frauen* viel öfter als Männer* in niedrigeren Positionen Zum anderen sind typisch männliche (meist technische) Berufe nach wie vor besser bezahlt als Berufsfelder, in denen vorwiegend Frauen* tätig sind (z.B. Pflege, Betreuung, Verkauf). Hier bräuchte es dringend eine gerechtere Bewertung von Arbeit und auch eine Erweiterung der traditionellen nach Geschlechtern segregierten Berufswahl. Zudem schultern Frauen* auch nach wie vor den Großteil der unbezahlten Arbeit bei der Versorgung von Kindern, älteren und kranken Familienangehörigen und im Haushalt. Nicht zuletzt deshalb arbeiten Frauen* oft Teilzeit und verdienen nach wie vor deutlich weniger als Männer*, ein Ungleichgewicht, das sich in der Pension noch verstärkt. Altersarmut bei Frauen* ist weit verbreitet. Eine gerechtere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit gehört daher nach wie vor zu den Kernforderungen der Frauenbewegung. Darüber hinaus braucht es weiterhin ein starkes Lobbying für „Null Toleranz von Gewalt“, da noch immer erschreckend viele Frauen* und Kinder von Gewalt betroffen sind. Auch die Verwendung einer Sprache, die beide Geschlechter miteinbezieht, wird immer wieder hinterfragt. In der Politik übernehmen Frauen* mittlerweile zwar viele Ämter, in den Entscheidungspositionen finden sich dennoch vorwiegend Männer*.
Insgesamt zeigt die Erfahrung, dass es zum einen darum geht, Gesetze laufend zu verbessern, zum anderen müssen aber auch bereits bestehende Errungenschaften immer wieder bestätigt, verteidigt und abgesichert werden. Als Frauen- und Mädchenberatungsstellen sehen wir uns hier immer wieder auch in einer Rolle als Mahnerinnen und Wächterinnen von Frauenrechten.

1.2. Feminismus bzw. Feminismen heute

Feminismus bezeichnet nicht etwas Einheitliches, sondern eine historisch gewachsene Vielzahl von Konzepten und Diskursen. Daher ist der Begriff „Feminismen“ zutreffender. Innerhalb der Frauen- und Mädchenberatungsstellen kamen und kommen immer wieder verschiedene feministische Zugänge, die wir weiter unten kurz beschreiben, als Haltung in der täglichen Arbeit zum Tragen. Unterschiede ergeben sich durch Entwicklungen im Laufe der Geschichte und aufgrund unterschiedlicher Ansätze der Teams und Mitarbeiterinnen.


1.2.1. Was wir unter Feminismus verstehen

Feminismus bezeichnet sowohl einen theoretischen Diskurs als auch eine politische Bewegung, die für Gleichberechtigung, Menschenwürde, die Selbstbestimmung von Frauen*, sowie gegen Sexismus und Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen eintritt.

Den einen, „richtigen“, Feminismus gibt es nicht – ebenso wenig, wie es „die Frauen“ und „die Männer“ als einheitliche Gruppen gibt. Feministisches Handeln bemüht sich vielmehr um eine spezifische Haltung und um einen Blick auf die gesamte Gesellschaft, der sensibel für Benachteiligungen aller Art ist, der sich kritisch gegenüber Machtausübung und Unterdrückung von verschiedenen Personengruppen äußert, und der offen ist für eine fortwährende Reflexion der eigenen Praxis.

In unseren Frauen- und Mädchenberatungsstellen bedeutet feministisches Handeln Beratungs-, Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit mit dieser reflexiven Haltung. Das Ziel ist ein grundlegender Wandel der Gesellschaft auf vielen Ebenen, hin zu einer insgesamt sozial gerechteren Welt für alle.

Feministisches Arbeiten beinhaltet für uns dabei auch die bewusste Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven und Ansätzen, die zueinander meist nicht in Konkurrenz sondern in Ergänzung stehen:

Der Gleichheits-Ansatz geht davon aus, dass Frauen* und Männer* grundsätzlich gleich sind und deshalb gleiche Rechte und Pflichten haben sollen. Aus diesem Ansatz heraus entstehen Forderungen nach dem gleichen Zugang zu allen Formen von Bildung, zu allen Ressourcen, Gremien und Machtpositionen. Auch Gleichstellungsmaßnahmen und Quotenregelungen sind typische Instrumente des Gleichheitsgedankens.

Der Differenz-Feminismus betont Fähigkeiten und Leistungen von Frauen* und fordert deren Aufwertung zur Verbesserung des sozialen Zusammenhalts. Forderungen, die aus dem Differenz-Ansatz heraus entstehen, sind zum Beispiel das Sichtbarmachen von Frauen* in der Sprache und die Notwendigkeit, eigene Frauenräume zu schaffen oder Frauengeschichte zu beforschen.

Der konstruktivistische Ansatz betont, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern historisch und sozial konstruiert sind, und richtet den Blick auf die Veränderlichkeit von Geschlechterrollen und den eigenen Beitrag daran, das eigene Tun („doing gender“).
Dekonstruktivistische oder queere Ansätze stellen zusätzlich die Norm eines Zwei-Geschlechter-Modells in Frage und betonen, dass es mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede zwischen Frauen* und Männern* gibt. Sensibilität für Themen wie Transgender oder Intersex sind in diesem Ansatz relevant.

Der diversitätsorientierte bzw. intersektionale Ansatz verknüpft Geschlecht mit anderen Merkmalen – wie Alter, sexuelle Orientierung, körperliche Fähigkeiten, Herkunft oder religiöse Zugehörigkeit – und kann dadurch Doppel- und Mehrfachdiskriminierungen und deren Verknüpfungen (z.B. als lesbische Muslimin*, als Migrantin* mit Behinderung, etc.) in den Blick nehmen.

1.2.2. Wozu braucht es Frauen- und Mädchenberatungsstellen?

Die größte Herausforderung ergibt sich derzeit aus der Widersprüchlichkeit: Auf der einen Seite sind Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit aus rechtlicher Sicht bereits umgesetzt und werden von vielen Menschen als Selbstverständlichkeit erlebt. Auf der anderen Seite haben sich die Geschlechterverhältnisse und die soziale Praxis kaum geändert. Nach wie vor sind Frauen* stark von Gewalt betroffen, verdienen deutlich weniger als Männer* und sind überwiegend für Familienarbeit zuständig.

Frauen- und Mädchenberatungsstellen sehen, wie sich diese gesellschaftlichen Ungleichheiten in der Lebenssituation einzelner Frauen* abbilden. Sie unterstützen nicht nur Frauen* und Mädchen* in der Verbesserung ihrer individuellen Situation, sondern sind auch „Seismografen“ und können strukturelle Benachteiligungen thematisieren und aufzeigen. Hier ist ihre wichtige Funktion für die Politik begründet.

Durch einen sensibilisierten Blick für Ausgrenzung und Diskriminierung erkennen Mitarbeiterinnen von Frauen- und Mädchenberatungsstellen schnell demokratiefeindliche Tendenzen in der Gesellschaft und beziehen gesellschaftspolitisch Stellung für die Anerkennung von Vielfalt auf Basis gleicher Rechte und gegen Dominanz und Ausgrenzung.


1.3 Die Arbeit in den Frauen- und Mädchenberatungsstellen

Frauen- und Mädchenberatungsstellen unterstützen Frauen* und Mädchen* bei der Lösung individueller Probleme, die häufig durch strukturelle Diskriminierung aufgrund des Geschlechts sowie aufgrund von Herkunft, Alter, Behinderung, sexueller Orientierung etc. entstehen. Die Angebote der Beratungsstellen umfassen auch Maßnahmen, die der Information und Prävention dienen. Sie leisten damit einen Beitrag zur Aufhebung der gesellschaftlichen, strukturellen und/oder rechtlichen Benachteiligung von Frauen* und Mädchen* im Sinne der UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form der Diskriminierung der Frau, BGBl. 443/1982.

1.3.1 Unser Auftrag

Wir machen die Anliegen von Frauen* und Mädchen* sichtbar und schaffen Räume für Austausch, Information und Beratung. Wir zeigen Missstände auf und entwickeln Konzepte zur Veränderung. Wir sind politisch unabhängig und setzen uns entlang unserer feministischen Grundüberzeugung für eine Gesellschaft ein, in der diskriminierende Strukturen erkannt und verändert werden. Wir ermutigen Frauen* dazu, ein selbstbestimmtes Leben zu führen und dabei auch ihre Gender-Rolle und damit einhergehende Benachteiligungen kritisch zu reflektieren.

1.3.2 Unsere Ziele

Unser zentrales Ziel ist die Verbesserung der Lebensqualität von Frauen* und Mädchen* in Österreich. Wir versuchen dabei, sowohl auf der persönlichen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene anzusetzen.

Nach wie vor ist unsere Gesellschaft so organisiert, dass Frauen* und Mädchen* in vielen Lebensbereichen benachteiligt werden – manchmal offensichtlich, manchmal auch erst auf den zweiten Blick erkennbar. Ziel unserer Arbeit ist daher zum einen, Frauen* und Mädchen* dabei zu unterstützen, individuelle Lösungsstrategien zu finden – auch für Problemlagen, deren Ursachen in gesellschaftlichen Strukturen liegen.

Parallel dazu sehen wir es als unsere Aufgabe, die strukturellen Benachteiligungen von Frauen* und Mädchen* in all ihrer Unterschiedlichkeit immer wieder öffentlich aufzuzeigen und uns aktiv für die Veränderung dieser Strukturen einzusetzen. Wir benennen dabei auch gesellschaftliche Zwänge wie zum Beispiel Heteronormativität und eine daraus folgende Diskriminierung.

1.3.3 Unsere Zielgruppe/Diversität

Unsere zentrale Zielgruppe sind Frauen* und Mädchen* in unserer Migrationsgesellschaft. Dabei berücksichtigen wir die Vielfalt und Individualität von Frauen* und Mädchen*. Kategorien wie Alter, Herkunft, körperliche Fähigkeiten, sexuelle Orientierung etc. beeinflussen immer auch den Alltag von Menschen. Parteiliche Arbeit für Frauen* und Mädchen* bedeutet für uns auch, dass wir wissen, wie Zugehörigkeiten zu diskriminierten Gruppen sich auf den konkreten Alltag auswirken können. Dieses Wissen stammt nicht zuletzt auch aus eigenen Erfahrungen: Wir legen großen Wert darauf, dass sich die Vielfalt von Frauen* und Mädchen* in Österreich auch in der Zusammensetzung unserer Teams widerspiegelt.