Gendergerechte Sprache muss bleiben!

Stellungnahme zum ÖNORM-Entwurf A 1080:2014-02-15 - Richtlinien für die Textgestaltung.

An: Austrian Standards

 

Autorin: Hannah Steiner, Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen
März 2014

An: d.schermann@austrian-standards.at
 

Sehr geehrte Frau DIin  Schermann, sehr geehrte Damen und Herren! 

Bezugnehmend auf den ÖNORM Entwurf A 1080  appellieren  wir dringlichst, die genderdemokratische Uhr nicht wieder zurückzudrehen. Verwenden wir doch unsere Energie dafür, eine Sprache und eine Wirklichkeit zu schaffen, die Männer UND Frauen mit einbezieht. Oder seien wir zumindest so innovativ, einmal das generische Femininum auszuprobieren, der Einfachheit halber. Die deutsche Sprache würde das allemal zulassen. Ob 13% aller Polizisten weiblich sind oder 87% aller Polizistinnen männlich, ist der deutschen Grammatik herzlich egal, den mitgemeinten Männern eventuell nicht. Dann vielleicht doch lieber das Binnen-I?
 
Als Frauen- und Mädchenberatungsstellen möchten wir ganz speziell darauf hinweisen, dass es für unsere Zielgruppe eminent wichtig ist, dezidiert angesprochen und nicht „irgendwie mitgemeint“ zu sein. Bei Jobangeboten, die in der männlichen Form abgefasst sind, fühlen sich nachweislich Männer angesprochen, Frauen und Mädchen hingegen nicht angesprochen. Unser Ziel als Frauenberatungsstellen ist es auch, die Berufschancen für Frauen zu verbessern und zum Abbau von Einkommensunterschieden beizutragen. Dazu ist es notwendig, dass Frauen und Mädchen auch in jenen Berufsfeldern Fuß fassen, die bislang eher Männern vorbehalten waren. Dafür müssen sie  a) sichtbar und b) explizit eingeladen werden. ‚Ärztinnen und Ärzte‘, ‚Ingenieurinnen und Ingenieure‘ – solche Formulierungen meinen tatsächlich Männer UND Frauen und unterstützen damit geschlechterdemokratische Ziele. Richten sich Ausschreibungen nun sprachlich wieder nur an Männer, wird der Gender Gap zementiert: Wer denkt schon bei ‚Abteilungsleitern‘ tatsächlich an Frauen? Die einzig weiblichen Berufsbezeichnungen, das schwant mir schon übel, werden dann wohl die typisch weiblichen Tätigkeiten sein. Oder wird es dann auch die ‚Kindergärtner‘ heißen? Oder doch eher die ‚Kindergärtnerinnen‘? Und wer würde wohl bei der Formulierung ‚Kindergärtnerinnen‘ an Männer denken?  
 
Sprache bildet Wirklichkeit ab. Sie kann aber auch den Weg weisen zu einem respektvolleren, bewussteren Umgang miteinander. Vertun wir diese Chance nicht!

In diesem Sinn ersuchen wir um Zurücknahme der geplanten Richtlinie und um Beibehaltung und Verstärkung einer alle Bevölkerungsgruppen einschließenden Sprache!

Hannah Steiner
Koordinatorin
Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen
Stumpergasse 41-43
A-1060 Wien
www.netzwerk-frauenberatung.at