Frauenarmut

Impulsreferat bei der Premiere „Pleite in Sichtweite“, Amstetten

Autorin: Rosemarie Ertl, Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen

März 2017


Österreich zählt zu den reichsten Ländern weltweit – diese Tatsache ist bekannt. Dennoch sind hierzulande rund 182.000 Frauen (ca. 5 %) von manifester Armut betroffen . Sie leben mit einem Einkommen unter der Armutsgrenze. Weitere 14 % der Frauen gelten laut einer Erhebung der Statistik Austria im Jahr 2015 als armutsgefährdet . Die Mitarbeiterinnen der Mädchen- und Frauenberatungsstellen sind in ihrem Beratungsalltag mit dieser Armutsspirale direkt konfrontiert. Ungeachtet dessen, welche Beratungsschwerpunkte im Vordergrund stehen, denn die Gründe für Frauenarmut sind vielfältig. Ebenso wie deren Auswirkungen.
Armut stellt sich zwar für die Betroffenen als individuelles, stark belastendes Problem dar, muss aber als strukturelles Problem bekämpft werden. Zu diesem Zweck ist das Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen z.B. Mitglied bei der Armutskonferenz und darüber hinaus aktiv in der Gruppe „Frauen und Armut“. Die Armutskonferenz ist ein Zusammenschluss von über 30 Organisationen, die sich gegen Armut und soziale Ausgrenzung engagieren. Ebenso hat das Netzwerk in den letzten 2 Jahrzehnten mehrere EU-Projekte zum Thema „Equal Pay“ bzw. „Gender Pay Gap“ durchgeführt. U.a. haben wir mit den Slogans „Frauen verdienen mehr“ bzw. „Nur faire Einkommen sichern faire Pensionen“ versucht, in der Öffentlichkeit auf die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen hinzuweisen. Diese Lohnungleichheit ist ja ein Faktor, welcher zu höheren Armutsgefährdung von Frauen beiträgt.
Bevor wir uns einzelnen Faktoren genauer zuwenden, möchte ich noch vorausschicken, dass die Statistik dann von Armut und sozialer Ausgrenzung spricht, wenn ein geringes Einkommen auch mit Einschränkungen in zentralen Lebensbereichen verbunden ist. Das heißt: Die Betroffenen können abgetragene Kleidung nicht ersetzen, die Wohnung nicht heizen oder auch die Miete nicht pünktlich zahlen. Außerdem sind arme Menschen häufiger krank und leben oft in feuchten, schimmligen Wohnungen, weil das Geld für eine Wohnraumsanierung fehlt.
Die Einkommensarmutsschwelle lag, wie wir schon gehört haben, im Jahr 2016 für einen Einpersonenhaushalt bei 1.163 Euro. Bei einem Erwachsenen und einem Kind beispielsweise bei 1.512. Die meisten Einkommen armer Menschen liegen allerdings weit unter dieser Schwelle, so haben 300.000 Menschen in Österreich nicht mehr als 600 Euro zur Verfügung .

Warum sind nun Frauen stärker von Armut betroffen als Männer?

Expertinnen und Experten nennen dafür drei Hauptgründe: Steuern, Vermögen und Einkommen . Dazu kommt noch, dass bei staatlichen Sparmaßnahmen vorwiegend soziale Dienstleistungen gekürzt werden. Das wirkt sich zum Nachteil von Frauen aus.
Ich möchte Ihnen nun zu jedem der drei Hauptgründe einige Daten und Fakten präsentieren.

Erstens: Ein ungerechtes Steuersystem benachteiligt Frauen.

In Österreich wird – so wie im EU-Durchschnitt – Arbeit höher besteuert als Kapital. Ein Beispiel: Der Anteil der Unternehmensgewinnsteuern am Gesamtsteueraufkommen hat sich seit 1965 von 27 auf 14% halbiert. Gleichzeitig hat sich der Anteil der Lohnsteuer am Gesamtsteueraufkommen von 10 auf 30% verdreifacht. 
Nachteilig für Frauen wirken sich auch die Verbrauchssteuern aus. Dabei handelt es sich um Abgaben, die für alle gleich hoch sind, zum Beispiel die Mehrwertsteuer. Gerade deshalb sind diese Abgaben aber für Frauen, die in der Regel weniger verdienen, im Verhältnis zu ihrem gesamten Einkommen sehr hoch.

Zweitens: Die ungleiche Verteilung von Vermögen.

Vermögen sind in Österreich äußerst ungleich verteilt und können nur sehr eingeschränkt erfasst werden. Daher ist anzunehmen, dass die tatsächliche Ungleichverteilung noch viel größer ist. Insgesamt wachsen Vermögenseinkommen rascher als Arbeitseinkommen.
Einige Zahlen dazu: Die reichsten fünf Prozent besitzen in Österreich rund 45% des gesamten Bruttovermögens. Die ärmsten 50 Prozent nur 4%.  Und die Kluft vergrößert sich zunehmend. Seit 1993 gibt es keine richtige Vermögenssteuer und seit 2007 auch keine Erbschafts- und Schenkungssteuer mehr in Österreich. Vermögensbezogene Steuern wie die Grundsteuer tragen in Österreich nur mit 1,3% zum Gesamtabgabenaufkommen bei . Diese Politik begünstigt vor allem Männer, da Frauen weniger Vermögen und Kapitaleinkommen besitzen.

Drittens: Niedrige Einkommen und große Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen.

Dies gilt nicht nur für Einkünfte aus Erwerbsarbeit, sondern auch für alle damit in Zusammenhang stehenden Geldleistungen wie Pensionen oder Arbeitslosengeld.
Trotz der gesetzlichen Verankerung von „gleichem Lohn für gleiche oder gleichwertige Arbeit“ erhalten Frauen in Österreich weniger Lohn als Männer. Im Quiz gab es dazu bereits einige Zahlen. Die Höhe des Gender Pay Gap variiert je nach Branchen, Altersgruppen und der Art der statistischen Berechnung. Bei unserem letzten Netzwerk-EU-Projekt sind wir von einem Gap von 23% ausgegangen.
Interessant finde ich den Blick auf Stundensätze, da feststellbar ist, dass Teilzeitangestellte oftmals niedrigere Stundenlöhne erhalten als Vollzeitangestellte. Ein Bericht des bmask/bka von 2013 verweist hierbei auf einen Unterschied von nahezu 25%! Dies ist meines Erachtens nach nur teilweise darauf zurückzuführen, dass Teilzeit-arbeitende Frauen oft in Branchen beschäftigt sind, in denen Löhne und Gehälter ohnedies niedriger sind.
Und damit nähern wir uns dem Faktor „Arbeitsbewertung“. Denn Arbeit wird oftmals, wenn sie von Frauen verrichtet wird, geringer bewertet. Daher sind auch typische Frauenberufe um vieles schlechter bezahlt als typische Männerberufe. Ich weise an dieser Stelle auf den Kollektivvertrag der Sozialwirtschaft Österreich hin. Dieser KV regelt Arbeitsbereiche, in denen zu einem überwiegenden Teil Frauen in sozialen Berufen beschäftigt sind. Im Gegensatz zu anderen KV’s in denen Gehaltstabellen einen untersten Richtwert vorgeben und Überzahlung die Norm darstellen, wird in der praktischen Anwendung in diesem KV der Mindestlohn auch gleichzeitig als Höchstlohn gehandelt. Nicht nur anhand dieses Beispiels stellt sich die Frage, warum prinzipiell die Arbeit mit Maschinen einen höheren Wert hat als die Arbeit mit Menschen . Es fehlt uns hier ein gesellschaftlicher Diskurs über die Bewertung von Arbeit.
Neben den bereits genannten Punkten gibt es noch viele das Einkommen beeinflussende Faktoren. Aus zeitlichen Gründen kann ich leider nicht auf alle eingehen, aber ich bin mir sicher, dass sie ihnen bekannt sind. Einige relevante Aspekte werden im anschließenden Dialog mit den beiden Politikerinnen noch diskutiert.
Teilzeitarbeit * die Gläserne Decke und damit ein geringer Anteil von weiblichen Führungskräften * Mehrfachbelastung, traditionelle Rollenverteilung, Care-Arbeit und ungleiche Verteilung bezahlte-unbezahlte Arbeit * fehlende Kinderbetreuungs-einrichtungen bzw. keine adäquaten Betreuungszeiten * Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen, working poor * fehlende Mobilität * Migrationshintergrund
Frauen, die keine österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, waren 2015 mit 13,3% deutlich höher von Arbeitslosigkeit betroffen als österreichische Staatsbürgerinnen mit 8,3%. Mehr als zwei Drittel  der arbeitslos vorgemerkten Frauen mit nicht österreichischer Staatsbürgerschaft verfügten maximal über einen Pflichtschulabschluss.  Der Armutsfaktor niedriges Ausbildungsniveau wirkt sich daher in dieser Gruppe stark aus. Auch wenn gesamt gesehen, dieser Aspekt keine so große Rolle mehr spielen dürfte. Mittlerweile liegt der Anteil der Maturantinnen an allgemeinbildenden sowie berufsbildenden höheren Schulen bei 60%. Und auch unter den HochschulabsolventInnen sind Frauen bereits überrepräsentiert.
Alle Faktoren, die zu einem geringeren Erwerbseinkommen von Frauen beitragen, beeinflussen in weiterer Folge natürlich auch die Pensionshöhe. Hier ist die Diskrepanz zwischen Männern und Frauen sogar noch größer. In Österreich bekommen Frauen 48% weniger Eigenpension als Männer .
In Bezug auf die Auswirkung von Teilzeitarbeit auf die Alterssicherung berechnete die Arbeiterkammer, dass jedes Jahr einer 50 Prozent Teilzeitarbeit die Höhe der Pension um 1% verringert und jedes Jahr einer Berufsunterbrechung sogar eine Reduzierung der Pension um 2% zur Folge hat  .
Niedrigpensionen, von denen ein wesentlich höherer Anteil von Frauen betroffen ist, werden bis zum Ausgleichszulagenrichtsatz aufgezahlt. Dieser lag 2016 für Einpersonenhaushalte bei monatlich 882,78 Euro  und damit wesentlich unter dem Niveau der Armutsgefährdungsschwelle von 1.163 Euro.

Abschließend möchte ich noch einige Armutsfallen erwähnen, die auf den ersten Blick in keinem direkten Zusammenhang mit Steuern, Vermögen oder Einkommen stehen ihnen vermutlich aber auch bekannt sind.

Erstens: Mutterschaft und Alleinerzieherin sein

Alleinerziehende sind mit 42% die Gruppe mit dem höchsten Armuts- oder Ausgrenzungsrisiko, 90% der Alleinerziehenden sind Frauen .

Zweitens: Gewalt im häuslichen Kontext

Häusliche Gewalt geht oft mit ökonomischer Gewalt einher: Frauen werden bewusst in finanzieller Abhängigkeit gehalten, um die Gewaltbeziehung aufrecht zu erhalten. Die Trennung von einem gewalttätigen Partner ist daher mit einem hohen Armutsgefährdungsrisiko verbunden.

Drittens: Trennung/Scheidung

Scheidung bedeutet für viele Frauen immer noch in die Armutsfalle zu tappen, wobei diese Gefahr bei einer Scheidungsrate, die im Jahr 2015 bei fast 42% lag , sehr hoch ist. Steigende Lebenserhaltungskosten verschlechtern die finanzielle Situation vieler Frauen deutlich. Ein Modell der Doppelresidenz für Familien nach der Scheidung beinhaltet darüber hinaus die Gefahr, dass der Kindesunterhalt im Hauptaufenthaltsort nicht mehr gesichert ist.

Viertens und abschließend: der anerzogene Umgang mit dem Thema Geld

Aufgrund der traditionellen Geschlechterrollen werden Frauen nach wie vor dazu erzogen, sich nicht mit dem Thema „Geld“ zu befassen. Frauen machen daher häufiger Beziehungsschulden (Schulden für andere) als Männer. Sie bewerten Geld tendenziell mit „Sicherheit“ und „Selbstständigkeit“, Männer hingegen mit „Erfolg“ und „Macht“.
Um Frauen diese Sicherheit und Selbstständigkeit zu ermöglichen und der Armut entgegen zu wirken, braucht es jedoch viele verschiedene Maßnahmen. Ich freue mich darauf, wenn nun einige davon im anschließenden Dialog von den Politikerinnen diskutiert werden.


Weitere für die Pressekonferenz relevante Zahlen/Infos:

Bekannt ist, dass folgende Gruppen am stärksten von Armut betroffen sind: Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft, Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende und Familien mit 3 oder mehr Kindern.
…. Bekannt sind auch folgende Faktoren, auf Grund welcher Frauen in einem höheren Ausmaß einem Armutsrisiko ausgesetzt sind, weil sie ein geringeres, teils wesentlich geringeres Einkommen erhalten:
 Mehrfachbelastung, traditionelle Rollenverteilung, Care-Arbeit und ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit. Statistisch gesehen arbeiten Frauen 45,7 Stunden pro Woche – bezahlte Arbeit beläuft sich dabei auf 18,7 Stunden, unbezahlte auf 27 Stunden. Bei Männern sind es insgesamt 41,7 Stunden, wobei die bezahlte Arbeit 30,7 Stunden ausmacht, unbezahlte nur elf. - derstandard.at/2000032426077/Frauen-arbeiten-27-Stunden-pro-Woche-unbezahlt-Maenner-elfFrauen
 Zunahme von prekären Beschäftigungsverhältnissen und working poor – immer mehr Menschen, vor allem Frauen können von ihrem Erwerbseinkommen nicht mehr leben
 Geringeres Einkommen bedingt auch einen niedrigeren Arbeitslosengeld-anspruch. Da Partner meist mehr verdienen, fällt bei vielen Frauen die Notstandshilfe zur Gänze weg und sie sind von ihrem Partner finanziell abhängig.
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© Rosemarie Ertl / Netzwerk österr. Frauen- und Mädchenberatungsstellen, März 2017
www.netzwerk-frauenberatung.at